pro verdura auf der COP 23 Klimakonferenz in Bonn oder: Bevölkerung unerwünscht? – ein Reisebericht

Wie es dazu kam
Am 24.10.2017 hatte ich per Zufall ein Gespräch mit Dresdens Umweltbürgermeisterin Frau Eva Jähnigen. Sie sah die aktuellen Flyer der Webseite und versprach – im Interesse der Bäume – einige davon mit auf die UN-Klimakonferenz in Bonn mitzunehmen. Und da fragte ich mich: Warum nicht selbst hinfahren?

Die UN-Klimakonferenz findet einmal jährlich an verschiedenen Orten der Welt statt. Es geht darum, dass sich die staatlichen Abgesandten darüber unterhalten, wie der Klimawandel aufgehalten werden kann und dass sie dazu verbindliche Vereinbarungen schließen. Gleichzeitig sollen sich die Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen treffen und austauschen und es soll auch die Öffentlichkeit teilhaben können.

Gerade beim Klimawandel ist es wichtig, dass sich alle Menschen angesprochen fühlen und sinnvoll handeln.

Auf der Klimakonferenz von Paris vor zwei Jahren (COP 21) war ein kleines Wunder passiert: Die fast 200 Teilnehmerstaaten hatten sich darauf geeinigt, dass der weltweite Temperaturanstieg auf 2 °C begrenzt werden soll. Dass es überhaupt eine verbindliche Vereinbarung geben würde, war bis dato als unwahrscheinlich angesehen worden – die vielen Konferenzen vorher, die es seit dem Kyoto-Protokoll aus den 90er Jahren gegeben hatte, waren in diesem Punkt erfolglos geblieben.

Dieses Jahr dauerte die Konferenz vom 07.11. bis zum 16.11.

Und ich fand, es sei endlich Zeit, die Bäume ins internationale Bewusstsein zu rücken. Zeit für Regierungsprogramme, Zeit für Aufforstung, und zwar weltweit.

Die Vorbereitung
Am Samstag, den 11.11. wollte ich präsent sein: Teilnehmer ansprechen, die Webseite bekannt machen, mit interessierten Bürgern reden und Flyer verteilen.

Ich probierte die Online-Anmeldung der UN auf deren Webseite. Weil es mir passend erschien, meldete ich mich als „Online-Medium“ an, denn pro-verdura ist eine Info-Seite über Baumprojekte mit einem projektbezogenen Teil und einem Blogteil. Wenn man es auf den Punkt bringt, dann ist pro verdura die Webseite einer Bloggerin für Bäume. Und die Bloggerin bin ich. Und Blogger sind mittlerweile sogar als Presse anerkannt…

Nachdem ich meine Unterlagen hochgeladen hatte, erschien der Hinweis, dass die Annahme von Teilnehmern am 8.11. – also genau einen Tag vorher – beendet war.

„Was soll’s“, dachte ich mir, „dort muss es einen öffentlichen Bereich für Leute geben, die sich über Klimaaktivitäten informieren wollen“. Da wollte ich hin.

Die Hinfahrt – Vorfreude am 10.11.

Voller Motivation verteilte ich gleich an der Bushaltestelle in Dresden mehrere Flyer. Die Mitfahrer/Innen waren überwiegend jung und mit Smartphones ausgestattet, in die sie die meiste Zeit interessiert blickten. Was läge näher, als ihnen einen Blick auf „pro-verdura.info“ nahezulegen? In Berlin nutzte ich die Pause von über zwei Stunden, um Fahrradkörbe und -gepäckträger mit Flyern zu versehen. Sind ja so eine Art mobiler Briefkasten … Von Berlin nach Bonn habe ich im Bus geschlafen – ist kostengünstig und ausserdem gab es in Bonn angeblich sowieso keine Unterkünfte mehr. Samstag, den 11.11., 9:20 Uhr: Ankunft an der Museumsmeile in Bonn, unweit der Rheinaue – siehe Bild – wo die Tagung stattfand.

Der Vormittag des 11.11. – Herumsuchen zwischen den Tagungsgebäuden: Wo sind die Leute?

Es nieselte und war ein eher kühler Herbsttag, nass und zugezogen.

Von der Fernbushaltestelle musste man nur den Museumsplatz überqueren und schon begann das Tagungsgelände.

Menschen mit Schlüsselbändern um den Hals eilten geschäftig auf die Tagungsbereiche zu.

Diese waren sämtlich unter Dach und abgesperrt.

Es sollte einen für die staatlichen Konferenzteilnehmer geben „Bonn“ und einen für die Nicht-regierungsorganisationen und die Besucher – „Bula“ genannt. „Bula“ ist Fidschi und heißt „Willkommen“.

„Bula“ stand überall an den Zäunen, die die Bereiche absperrten, in gelbgrüner, freundlicher Schrift.

Da es keine Grüppchen gab, zu denen ich mich hätte gesellen können – vom Proteststand für den Hambacher Forst abgesehen – näherte ich mich dem „Bonn“-Eingang, denn er lag am nächsten.

Dort unter Dach empfing mich sogleich ein großer Security-Mann in Uniform. Er hatte einen Sheriff-Stern am schwarzen Overall, der ihn als offiziellen UN-Beschäftigten auswies. Er fragte mich nach meiner Teilnehmerkarte, und die hatte ich natürlich nicht. In schnellem Englisch erklärte er mir, dass ich mich woanders anmelden müsste – am besten bei den Deutschen. Wo und wie, das verstand ich nicht. Ich versuchte auf meinem Weg nach draussen, ein paar Flyer an Teilnehmer zu verteilen, aber sie waren in Eile und eher reserviert … „was will da so eine mit Rucksack und Turnschuhen und grünen Zetteln in der Hand?“ schienen sie zu denken.

Ich suchte nach weiteren Ständen unter freiem Himmel und nach den interessierten Besuchern. Es gab sie kaum. So steckte ich Flyer in Fahrradkörbe und Gepäckträger und lief das Gelände ab.

Es gab einen Bereich mit Pavillons und Zelten, aber diese waren alle mit Zugangsbarrieren vorgesehen.

Ringsherum standen stacheldrahtbewehrte Zäune mit Kameras und dahinter saßen Wächter auf Plastikstühlen. In den festen Gebäuden gab es Eingangsbereiche wie in der Flughafensicherheitskontrolle:

Körperscanner, graue Boxen für die Jacken und Taschen, die auf einem Rollband durch den Gepäckscanner geschoben wurden, Sicherheitspersonal und erst dahinter die „Registration desks“ – Orte, wo die erfolgreich angemeldeten Teilnehmer ihre Schlüsselbänder mit Kärtchen vorzeigen mussten.

Die Pavillons und Zelte waren klein und es war sehr ruhig. Es gab keine Gespräche und keine Info-Stände draußen vor den Eingangsbereichen. Nur Stille, Nieselregen und Herbstlaub an den Bäumen. Pfützen auf den Asphaltwegen.

Am Zaun des US-amerikanischen Pavillons stand: „We’re still in“ – „Wir sind noch dabei“, aber ohne Teilnehmerkarte durfte ich nicht hinein. Es war Platz für vielleicht 40 Leute darin.

Ich sprach einzelne Fußgänger an – mehr waren nicht da – und freute mich über jedes abgestellte Fahrrad. So kam ich über die Asphaltwege im Rheinauenpark auf die Demo-Wiese. Hier gab es ein paar Kunstillationen als Mahnung gegen den Klimawandel, aber keine Besucher. Nur im Pfadfinderzelt saß eine Familie am Lagerfeuer und buk sich Teig an Holzstecken.

Der Mittag des 11.11. – Einsam zu Fuß und Showdown am „Registration Help Desk“ von „Bonn“

Keine Besucherströme, keine Gruppenbildungen mit Gesprächen, keine überdachten Vorhallen, wo man sich mit warmen Füßen und an Stehtischen mal mit Bürgern und Umweltaktivisten hätte austauschen können – stattdessen schlurfte ich einsam mit gefühlten 15 Kilo auf dem Rücken in einem verregneten Parkgelände herum.

Wo waren die 25.000 Konferenzteilnehmer? Alle unter den Dächern hinter den Zugangsbarrieren? So groß kamen mir die Konferenzgebäude nicht vor.

Von einem Hügel herab kam ich an dem Seitenbereich des US-amerikanischen Pavillons („We’re still in“) vorbei, als dort gerade die Zeltwand aufging und der Zaun geöffnet wurde. Eine Gruppe mit einem Indianer in traditionellem Kopfschmuck und weiteren Indigenen und Weißen trat heraus. Sie wurden gerade hinausgeworfen.

Ihren Schautafeln entnahm ich, dass sie aus Kanada kamen und gegen das Fracking und die Zerstörung der kanadischen Wälder protestieren wollten. Im Halbkreis aufgestellt hielten sie ein Spruchband vor den Körpern: „Still in – for what?“ („Noch dabei – wofür?“) Als ich Ihnen Mut zusprechen und meine Flyer schenken wollte, schickten sie mich weg: Eine von den Aktivisten wollte weinen und konnte Frohsinn in diesem Augenblick nicht ertragen. Mit „You are doing the right thing!“ verabschiedete ich mich.

Die meisten Personen, die einfach nur so herumstanden, waren die Polizisten. Deshalb verteilte ich jetzt meine Flyer an selbige. Sie hatten auch Zeit für Gespräche und waren sehr freundlich.

Ich erzählte einer Polizistin, dass ich gerne in einen der Bereich gehen würde, dass meine Online-Anmeldung aber misslungen war. Da schritt sie voraus dorthin, wo der UN-Sheriff gestanden und mich mit undeutlichen Worten weggeschickt hatte. Er war nicht da. Also führte sie mich direkt durch den flughafenähnlichen Sicherheitsbereich zum „Registration Help Desk“ und hieß mich dort zu warten. Dort würde man mir helfen, damit ich auf die Konferenz komme.

Zunächst nahm eine hübsche blonde Assistentin meinen Personalausweis und meine Unterlagen entgegen – darunter auch ein Flyer und das von mir selbst für mich ausgestellte Autorisierungsschreiben, dass ich für pro-verdura öffentlich tätig sein darf. Einen Presseausweis hatte ich nicht – aber den bekommt man online gegen Bezahlung von 50 € und ein Passbild, ohne dass es weiterer Erklärungen bedarf.

Ich wartete 20 Minuten. Dann erklärte die nette Assistentin, dass ihre Chefin jetzt auf dem Weg zu ihr sei, um den Fall zu klären. Ich freute mich schon: Dann gab es also doch noch eine Chance!

Als die Chefin erschien, fragte sie mich in US-Englisch, als was ich akkreditiert sein wolle. Ich sagte: „Als Online-Medium“ und dass ich alle Unterlagen schon hochgeladen hätte.

Sie sagte, die Unterlagen seien schon da, und ob ich einen Presseausweis hätte.

Ich sagte „Nein.“ und erklärte, dass dieser nicht mehr aussagt, als dass man sein Passbild zur Verfügung gestellt und fünfzig Euro an einen Online-Anbieter gezahlt hat. Ich erklärte ihr, dass ich eine Webseite für Bäume und über Baumprojekte sowie Umweltthemen habe, bei der ich im Impressum stehe. Da verschwand sie mit einem meiner Flyer hinter die Absperrwand des Anmeldebereiches.

Da tauchte auch der UN-Sheriff neben mir auf und sagte nur: „So you managed to come in.“ Ich wollte ihm einen Flyer geben, aber er lehnte ihn mit den Worten ab: „I’m fine.“ – „Mir geht es gut.“ „Mir geht es auch gut.“ sagte ich und steckte den Flyer wieder ein.

Nach 15 Minuten kam die Chefin wieder. Ich stand immer noch da und wartete auf Antwort. Sie fragte mich, worum es bei der Seite geht.

Ich antwortete: „Es ist eine Webseite für Bäume. Es geht darum, dass wir Bäume brauchen und um Projekte, die Bäume pflanzen und schützen, und zwar überall auf der Welt.“

Ihre nächste Frage war: „So this is a campaigning website?“ („Also ist das eine Kampagnenwebseite.“)

Ich sagte: „Ja, und zwar für Bäume.“

Da sagte sie: „Das geht nicht. Es muss eine Presseseite sein, und zwar mit Beiträgen über den Klimawandel.“

Ich meinte: „Aber der Klimawandel ist doch an sich ganz klar. Was interessant ist, ist doch allein die Frage, was wir dagegen tun. Und Bäume sind genau richtig gegen den Klimawandel.“

Da sagte sie: “ Es müssen pro Woche drei Beiträge sein.“ Die Projektbeschreibungen wollte sie nicht als Beiträge gelten lassen.

Ich spürte, dass sie befürchtete, etwas falsch zu machen, wenn sie mir den Zugang zur Konferenz gewährte und lies sie gehen. Auf dem Weg nach draußen suchte ich mir die am buntesten angezogenen Konferenzgäste aus und gab ihnen Flyer mit.

Nachmittag und Abend des 11.11. – Der Climate Planet und die Beinahe-Teilnahme an einer Vortragsveranstaltung des „ICLEI“ – „Regionale und lokale Führer gegen den Klimawandel“

Zwischen „Bonn“ und „Bula“ sollte es den „Climate Planet“ geben, eine etwa 20 Meter hohe Weltkugel, die für die Öffentlichkeit zugänglich war. „Da muss ich hin“, dachte ich mir. Vor Ort stellte ich fest, dass kaum Leute im Bereich zwischen Zaun und Kugel waren und wurde am Eingang sogleich gefragt, was ich mit den Flyern zu tun gedenke. „Na verteilen und mit den Leuten darüber sprechen.“ gab ich arglos zu. „Das ist hier nicht erwünscht. Der Veranstalter will nicht, dass hier Prospekte verteilt werden.“

Als Veranstalter vermochte ich – wieder draussen am Zaun –  das Bundesministerium für Umweltschutz zu erkennen.

Es waren ohnehin kaum Besucher da. Eine Dreiviertelstunde lang im Dunkel zu sitzen und mir einen NASA-Film über den Klimawandel anzusehen, kam mir nicht zielführend vor. Ich steckte bis ca. 15 Uhr Flyer auf Fahrradgepäckträger, traf noch einen Aktivisten vom Hambacher Forst zufällig auf dem Weg und dann hatte ich endgültig nasse und kalte Füße.

Von 15:30 Uhr – 16:15 Uhr nahm ich im Café am Bonner Kunstmuseum etwas zu mir, durfte Flyer dort aufstellen und fragte dann nach der Toilette. Die Kellnerin schickte mich in den Museumsbereich hinter dem Café.

Dort ging ich zunächst eine Treppe hinunter und fand mich zufällig in einem abgetreppten Vortragssaal wieder. Etwa 60-70 Personen warteten hier auf einen Vortrag zu „Regionale und lokale Führer gegen den Klimawandel“ einer Organisation namens „ICLEI“. Ich fragte eine der Damen, die oben standen, ob ich eine Karte oder einen Prospekt haben könne, um mich über „ICLEI“ zu informieren. Da schickte sie mich mit einem ihrer Kollegen hinaus. Dies sei eine geschlossene Veranstaltung und aus Sicherheitsgründen dürfe ich nicht teilnehmen. Ich hätte es mir eigentlich denken können …

Bis 18 Uhr durfte ich im Eingangsbereich des Museums in einem Sessel sitzen, dann bat mich ein Museumsangestellter hinaus.

Um 21:25 fuhr mein Bus zurück, und zwar über Prag.

Im Bus verteilte ich keine Flyer mehr.

Von den 1.500 Stück waren noch etwa 600 übrig, und das Frühstück am Prager Omnibusbahnhof war echt gut.

Resümee
Natürlich ist es naiv, zu einer Konferenz zu fahren, ohne dort angemeldet zu sein.

Aber ist es wirklich richtig, dass man zur UN-Klimakonferenz als Webbloggerin mit passendem Thema nicht einmal als Beobachter zugelassen wird?

Und das, obwohl es ein riesiges Registrationsdesk gibt, an dem 40 Mitarbeiter sitzen, die voll vernetzt sind und den Überblick haben? Und obwohl Klimaschutz alle angeht? Wie hat der Fidschi-Repräsentant  bei der Eröffnung gesagt: „We must put people first.“  Das tut man aber nicht, wenn die Bevölkerung ausgesperrt wird und sich auf einer nassen Novemberwiese in der Kälte die Beine in den Bauch stehen soll.

Wie sieht es aus mit der Pressefreiheit in Deutschland? Gilt diese nicht, wenn es ein UN-Ding ist?

„Bula“ heißt „Willkommen“, aber wer sollte eigentlich willkommen geheißen werden? Die normale Bevölkerung jedenfalls nicht. Und die Umweltaktivisten auch nicht. „Plant-for-the-Planet“ war dabei: Das engagierte Baumpflanzprojekt mit Milliarden bereits gepflanzter Bäume durfte Schokolade verteilen. Damit dürften die Bäume nur diesen einen Vertreter auf der Konferenz gehabt haben …

In Paris gab es 2015 noch eine sogenannte „Green Zone“, wo sich wirklich alle hinbegeben konnten, wenn sie nur ihren Personalausweis vorgezeigt haben und ihr Gepäck haben kontrollieren lassen.

Wo war die „Green Zone“ in Bonn?

Und ist das im Sinne des Veranstalter-Landes, nämlich der Fidschi-Inseln? Sollten diese nicht eigentlich das Sagen haben bei dieser Konferenz?

Ich könnte wetten, dass mir die Fidschi-Angehörigen den Zugang gewährt hätten. Schließlich reduziert jeder Baum den CO2-Gehalt der Luft und zwar auf der ganzen Welt. Bäume auf der ganzen Welt, dass ist das, was die Fidschi-Inseln dringend brauchen … auch wir, nebenbei bemerkt.

Die Zugangskontrolle war meinem Gefühl und Erleben nach fest in US-amerikanischer Hand. Soll das so bleiben und wollen wir als Bürger nicht auch mitreden beim Klimawandel?

To whom it may concern.

Eure Franziska/ pro-verdura.info

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Kommentare und Pingbacks:

  1. Franziska und die Bäume – Dagmar Möbius Freie Journalistin
  2. Steffen

    Vielen Dank für diesen Bericht! Er zeigt mir wieder einmal, dass es schon viel Mühe kostet sich zu interessieren und beteiligen und Beteiligung nichts ist, was einfach so passiert. Es ist die Aufgabe der Politik mehr Möglichkeiten zu schaffen.

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