Es gibt ein Lebensmittelzertifizierungssystem, welches nur die Gemüseanbauer, Großhändler und der konventionelle Einzelhandel kennen:  Global GAP.

Es steht für „Good Agricultural Practice“, also gute landwirtschaftliche Praxis.

Dieses Zertifizierungs- und Kontrollsystem ist die Antwort auf die Probleme mit den Untersuchungen zu Pestizidbelastung der Lebensmittel.

Im Gegensatz zu manch deutschem Siegel dient es nicht zur Verbraucherberuhigung wie z.B. QS („Qualität und Sicherheit“ oft für Fleisch und frische Produkte genutzt), sondern ist dazu da, Lebensmittelskandale durch hohe Belastung mit Pflanzenschutzmittel, Krankheiten und Keimen zu unterbinden.

Es soll sicherstellen, dass eventuelle Kontrollen keine Grenzwertüberschreitungen mehr anzeigen. Der Verbraucher weiß davon nichts.

Wie wirkt sich das Siegel aus?

Global GAP gibt genaue Sicherheitsanforderungen und Hygienevorschriften für die Mitarbeiter der Betriebe vor, die Teil des Systems sind.

Dies reicht von Toiletten mit sauberen Wasser und Seife auf dem Feld, über Einschränkungen beim Pestizid- und Pflanzenschutzmitteleinsatz bis zu Ernte-, Transport- und Lagerbedingungen.

Ein dem Verbraucher unbekanntes Siegel – mit Zwang für die Lieferanten/Hersteller im konventionellen Handel

Das Siegel wurde vom Einzelhandel entwickelt und deren Lieferanten wurden einfach dazu gezwungen.

Dadurch können kleinere Betriebe mit geringen technischen Standards nur schwer in die Lieferkette kommen.

Dafür wurden die üblichen Wünsche der Landwirtschaft „stärkere Pflanzenschutzmittel, billigere Arbeitskräfte, weniger Kontrollen und mehr Subventionen“ nicht nur angegriffen, sondern über Bord geworfen.
Und das Schöne daran ist, dass es nahezu problemlos umgesetzt worden ist – die Marktmacht des konventionellen Lebensmittelhandels macht es möglich.

Durch Global GAP wurden die Chemikalienbelastungen der damit kontrollierten Lebensmittel weit unter die gesetzlichen Standards gedrückt.

So wurden den Einzelhändlern Lebensmittelskandale mit hohen Pestizidbelastungen über dem gesetzlichen Grenzwerten erspart.

Aber die kontrollierenden Gruppen und NGOs (z.B. Greenpeace) hörten nicht auf. Sie entwickelten einfach ein Ranking, welche Lebensmittel der Einzelhändler am meisten belastet waren. Dadurch kamen diese wieder in Zugzwang und nun hat jede Einzelhandelskette weitere Pflanzenschutzmitteleinschränkungen. Selbst der „belasteste“ bleibt unter 50% der staatlichen Grenzwerte. Einige Pflanzenschutzmittel z.B. ein Teil der Neonicotinide wurde vom Einzelhandel ganz verboten und kommen im Gemüse nicht mehr vor.

Konventionelle Anbauer – unter Zwang entstanden Lösungen, von denen manche Biobauern noch weit entfernt sind

Die konventionellen Anbauer standen vor einem Problem, aber durch die Forderungen angetrieben, konnten sie es lösen: Mehr Knowhow, besser geschulte Arbeitskräfte, mehr Technik und mehr Hygiene waren die Lösungen zusammen mit mehr physikalischem und biologischen Pflanzenschutz.

Das führte zu Unternehmen, die Nützlinge für den Gartenbau, vor allem für Gewächshäuser, züchten (Bioanbau unterstützt Nützlinge, konventioneller vermehrt sie gezielt).

Mittlerweile kann man alles von der Florfliegenlarve, über Raubmilben, Raubwanzen, Schlupfwespen und Nematoden (Fadenwürmer) bis hin zum Marienkäfer kaufen.

Wer Nützlinge einsetzt, kann keine Insektizide mehr nutzen (da sterben auch die Nützlinge). Für Herdspritzungen an besonders befallen Stellen („Befallsherde“) wird Seifenlösung oder Gemische aus Pflanzenöl mit Seifenlösung eingesetzt, um den Befall zu bremsen und das erste Aufflammen zu ersticken, bis die Nützlinge ihren Dienst tun. Aber dies ist durch vorausschauenden Nützlingseinsatz nur noch selten nötig.

Sind Gewächshäuser die besseren Anbauflächen?

Hin und wieder werden mit Schwefellösungen Pilzkrankheiten bekämpft, aber oft ist dies nicht mehr nötig, denn wer das Klima im Gewächshaus gut steuert, hat keine Pilzkrankheiten in diesem. Hohe Gewächshäuser sorgen für stabileres Klima und sparen gleichzeitig noch Energie, da sie durch das größere Luftvolumen mehr Wärme vom Tag in die Nacht mitnehmen können.

Anbau in Steinwolle reduziert Pilzbelastungen der Wurzeln, Schwimmkulturen (hauptsächlich bei Salat (Bild)) verhindern sämtliche Wurzelschädlinge. Schutznetze vor den Lüftungsöffnungen verhindern einen Zuflug von Insekten. So lassen sich heute vor allem aus den Niederlanden und einigen größeren anderen Anbaugebieten Gewächshausgemüse kaufen, die durch das Waschen zu Hause „schmutziger“ werden, als sie es vorher waren. Weil nichts außer Luft, Nützlingen und den Erntehandschuhen der Arbeiter diese Früchte berührt hat.

Auch im freien Ackerfeld gibt es Ansätze, wie man  auf Insektizide und Pestizide verzichten könnte:

Wie geht man aber vor, wenn man kein weitgehend geschlossenes Gewächshaus hat, sondern im Freiland arbeitet? Insektenschutznetze sind hier das Mittel der Wahl. Netze mit so kleinen Maschenweiten, dass bestimmte Schädlinge draußen bleiben. Diese werden zur Flugzeit der Schädlinge (da ist Wissen + Monitoring nötig) über den Kulturen aufgespannt. So lassen sich Gemüsefliegen, Kirschfruchtfliegen, aber auch Mottenschildläuse, Kohlweißlinge und sogar Blattläuse fern halten, ohne einen Tropfen Pflanzenschutzmittel zu benötigen. Die Netze können dabei mindestens 3 Jahre wieder verwendet werden und ermöglichen im Gegensatz zu Pflanzenschutzmitteln einen sicheren Anbau ohne Beschädigungen und Ausfälle.
Unkrautbekämpfung erfolgt meist über Mulchfolien oder Mulchpapiere, die kein Licht auf den Boden lassen und unter denen die Unkräuter einfach wegen Lichtmangel verhungern.

So hat der Einzelhandel etwas geschafft, was die Politik und Lobbygruppen als ein Ding der Unmöglichkeit beschreiben, nämlich sauberes, unbelastetes Gemüse hoher Qualität.

Leider trifft dies nur das Gemüse und Teile des Obstes und der Zierpflanzen und nicht Getreideprodukte.

Doch das System hat einen Haken: Nicht alle nehmen daran teil.

Und es wird nur der kontrolliert, der an Groß- und Einzelhandel liefert.

Und jetzt kommts …..

Betriebe mit geringen Standards, die dieses hohe Level nicht wollen, wechseln oft zur Direktvermarktung im Hofladen oder auf Märkten.

Dort die Händler fragen, bringt leider auch nichts, denn diese wissen es nicht und die Erzeuger dürfen über den Pflanzenschutz straffrei lügen, weil er zum Betriebsgeheimnis gehört.

Zwar kontrolliert auch der Staat, aber die Grenzwerte sind viel lascher und durch Agrarlobbyismus, wurden viele Kontrollstellen geschlossen, so dass eine Betriebskontrolle effektiv alle 10 Jahre statt findet.

Das unglaubliche an Global GAP + den Beschränkungen der Einzelhändler ist, dass manche konventionellen Gemüse nun weniger belastet sind, als jene mit Biosiegel.

Das ganze System ist pervers geworden: Wer wenig- oder unbelastetes Gemüse essen will, geht in Supermärkte und Discounter oder zu Gemüsehändlern, die im Großmarkt kaufen.

Wer belastetes Gemüse kaufen will, geht zum Markt oder Hofladen seines/ihres Vertrauens oder Einzelhändler, der dort direkt kauft.

Wenn Sie sicher gehen wollen, dass der Betrieb Ihres Vertrauens sauber arbeitet, dann lassen Sie sich das Pflanzenschutzmittellager zeigen.

Wer behauptet keins zu haben, lügt. Alle habe es, auch Seifenlösung und Pflanzenstärkungsmittel müssen auf Grund von gesetzlichen Vorschriften in einem gelagert werden, wie alle anderen Pflanzenschutzmittel auch.

Auf die Mittel, welche Sie sehen, kommt es an. Schauen Sie auch in die 2. Reihe dahinter. Auch muss es ein Buch zur Pflanzenschutzmittelverwendung (wann, wo, welches Mittel und wie viel) geben. Dieses können Sie sich auch zeigen lassen. Hoffeste sind Tage der offenen Tür sind dazu geeignet. Misstrauen Sie Betrieben, die Ihre und andere Kontrollen vermeiden.

(Der Beitrag gibt ausschließlich die Meinung des Autors Volker Croy wieder. Volker Croy ist Gartenbau-Ingenieur und hat sich bereit gefunden, sein Wissen und seine Meinung hier zu teilen. Fragen sind erwünscht und können ihm direkt gestellt werden:  vcroy[at]h-cotec.de . Sie können auch die Kommentarfunktion weiter unten nutzen.)

Über den Autor:  Volker Croy ist Gartenbauingenieur und bietet eine Vielzahl von Serviceleistungen rund um den Gartenbau an. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, besuchen Sie seine Webseite: www.gbi-croy.de .

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