Es war einmal ein Wald…

… im Herzen Europas. Was heute von ihm übrig ist, wird der „Hambacher Forst“ genannt.

 

Er begann zu wachsen, nachdem das Eis, das über 100.000 Jahre weite Teile des Kontinents bedeckt hatte, geschmolzen war. Damals, vor 12.000 Jahren, war der Wald in Mitteleuropa noch allein. Wirklich allein? Nein, es lebten viele Wesen darin. Sie waren da, bevor die ersten Menschen kamen.

In Südeuropa begannen die Menschen, sich als Bauern nieder zu lassen und in Dorfgemeinschaften zusammen zu leben. Sie rodeten Bäume, um Platz für den Feldbau zu schaffen und hielten Vieh. Sie bauten Hütten und stellten gemeinsame Regeln auf.

Auf dem Gebiet des heutigen Deutschland gab es vor rund 6.000 Jahren die ersten menschlichen Bewohner. Am Anfang schlugen sie Lichtungen in die grüne Baumdecke, um dort Hütten, Äcker und Weiden zu errichten. Später verbanden sie ihre Siedlungen durch Wege miteinander. Manche Dörfer wuchsen zusammen und wurden zu Städten. Die Wälder wichen zurück und bildeten mehr oder weniger großen Inseln und Flecken.

Einer von ihnen war der Wald, von dem heute noch ein Rest übrig ist.

Der geschichtlichen Überlieferung nach hatte der heilige Arnold von Arnoldsweiler dieses Land den umliegenden Dörfern geschenkt. Die Dorfbewohner teilten den Wald in 28 Forste auf.

Anfang des 20. Jahrhunderts mussten die Waldbewohner zusammenrücken, denn 5 der Waldteile wurden von den Menschen abgeholzt.

Im Jahr 1978, vor nicht einmal 40 Jahren, verkauften die Dorfbewohner das gesamte Land, das jetzt „Hambacher Forst“ hieß. Sie bekamen sehr viel Geld dafür.

Der Käufer war RWE, ein großes Unternehmen, das elektrischen Strom herstellte.

Das Unternehmen grub das Land mit Baggertürmen auf, die fast 100 Meter hoch sind. Das ist so hoch wie 58 Menschen, die auf den Schultern des jeweils anderen stehen.

Jeder Bagger hatte einen langen Arm aus Eisen, an dessen Ende ein riesiges Schaufelrad, das fast halb so groß war wie der Bagger selbst, befestigt war.

Von weitem sahen die Schaufelräder aus wie kreisförmige Sägeblätter, die unaufhörlich den Erdboden aufsägten und ihn abbaggerten.

Der abgebaggerte Boden war brennbare Braunkohle. Die Braunkohle wurde in riesigen Mengen auf Förderbändern abtransportiert, hin zu großen Kraftwerksöfen, wo sie verbrannt wurde.

Der Strom, der dabei entstand, wurde in die Städte, Dörfer und Fabriken verkauft, wo er Glühbirnen erleuchtete und Geräte und Maschinen antrieb. Das brachte dem Energieunternehmen großen Gewinn.

Weithin konnten die Menschen ihre Häuser beheizen, elektrische Geräte betreiben und weitere Geräte erfinden, die ihnen das Leben leichter und bequemer machten.

Einige der Dorfbewohner waren dagegen, dass der Energiekonzern den Wald abholzt und die Erde darunter abfräst.  Denn  am Ende sollte ein riesiges Loch entstehen, das mehrere Hundert Meter tief und viele Kilometer breit war.

Einige Dörfer sollten ebenfalls verschwinden.

Aber weil der Wald nur Stück für Stück über viele Jahre hinweg gerodet und die Dörfer erst später geräumt werden sollten, dachten die meisten von ihnen nicht an die Zukunft.

Aus dem Hambacher Forst heraus konnte man sehen, in welch großen schmutzigen Wolken giftiger Dampf aus den Kraftwerksschloten aufstieg.Das Loch, dass der Energiekonzern grub, wurde immer größer.

Wo er die Erde einmal abgetragen hatte, erstreckte sich ein braunes Gebiet mit Abraumhalden, Pfützen und Schlammpfuhlen, auf dem kein Gras stand, kein Vogel zwitscherte und kein Baum mehr wuchs.

Jedes Jahr im Herbst, wenn die Blätter bunt und golden an den Zweigen hängen, wurden die Waldbewohner, zu denen Eichhörnchen, Fledermäuse, Haselmäuse, Füchse und Spechte gehören, aufgeschreckt.

Sie hörten das durchdringende Geräusch von Traktoren und großen Rodungsmaschinen, die mit einem Mal einen ganzen Baum abschneiden und wegheben konnten, sowie das Dröhnen von Kettensägen, die einzelne Arbeiter des Energiekonzerns an die kleineren Bäume und Äste ansetzten.

Mit lautem Krachen stürzte Baum für Baum zwischen  den Nachbarbäumen um, sodass deren Wipfel zitterten, und wurde abtransportiert. Manch ein Baumbewohner, der dort saß, musste sich festhalten oder schnell verschwinden.  Die Bäume wurden samt ihren Wurzeln weggetragen. Die Erde, in der sie und ihre Vorfahren seit tausenden von Jahren gewachsen waren, sah jetzt schwarz und verwüstet aus.

Der große Baggerturm mit seinem Kreissägenschaufelrad fräste sie ab und transportierte sie weg. Sie verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Dreizehn Mal wurde der Hambacher Forst von den Arbeitern und ihren Maschinen heimgesucht und gerodet. Ein Viertel des Waldes war weg. Die übrig gebliebenen Waldbewohner hatten sich zwischen die restlichen Bäume zurückgezogen.

Da begab es sich, dass Menschen in einer weit entfernten Stadt in einer Behörde, die damals noch nicht viel Einfluss hatte, aufschrieben, was alle anderen Menschen, die in Europa wohnten, tun sollten.

Sie stellten eine Liste mit allen Tieren und Pflanzen zusammen, die selten waren. Die Menschen in Europa sollten alle Orte, an denen diese Tiere und Pflanzen wohnten, besonders schützen.

Die Menschen in Deutschland dachten, dass das, was die Behörde aufgeschrieben hatte, nur eine Empfehlung war. Das Schriftstück hieß „FFH-Richtlinie“. „FFH“ heißt Flora-Fauna-Habitat, was soviel bedeutet wie „Lebensraum für Pflanzen und Tiere“. Im Hambacher Forst lebten damals sehr viele Tiere, deren Familien auf der Liste der „FFH-Richtlinie“ standen. Damit hätte der Wald beschützt werden müssen. Aber die Menschen hielten sich nicht daran.

Sie erlaubten dem Energiekonzern, weitere 25 Jahre den Hambacher Wald abzuholzen und die Erde abzutragen. Die Erlaubnis hieß „Zweiter Rahmenbetriebsplan 1996 -2020“. Sie wurde erteilt, als es die „FFH-Richtlinie“ seit drei Jahren gab.

Es gab Menschen, die stattdessen den Wald beschützen wollten.

Aber es hieß, dass sie nicht für die Tiere und Pflanzen sprechen dürfen.

Weitere zwölf Jahre kamen und gingen, in denen der Energiekonzern den Hambacher Forst weiter abgeholzte, in denen die Tiere flohen und sich unter die restlichen Bäume zurückzogen. Es war noch die Hälfte des Waldes da.

Inzwischen hatte ein Gericht, das weit weg in einer ausländischen Stadt Recht sprach und von dem viele Menschen noch nichts gehört hatten, entschieden, dass alle Menschen in Europa die Empfehlungen der Behörde, von der sie noch nicht viel gehört hatten, befolgen müssen.

Das bedeutete, dass die seltenen Tiere und Pflanzen, die auf der Liste standen, wirklich von den Menschen geschützt werden sollten.

Das Gericht entschied ausserdem, dass Menschen für Tiere und Pflanzen sprechen dürfen. Denn die Tiere und Pflanzen können es nicht selber tun.

Da bemühten sich noch mehr Menschen, den Wald zu beschützen. Aber es waren zu wenige.

Die Menschen die in der Nähe des Waldes und der Braunkohletürme die Entscheidungen zu treffen hatten, waren weiterhin dafür, die Bäume zu fällen und die Erde abzutragen. Manche sagen, dass sie dafür von dem Energiekonzern RWE bezahlt wurden, denn er konnte den Strom für viel Geld verkaufen.

Aber in Wahrheit wollten alle, denen der Energiekonzern gehört, und alle, die für ihn arbeiteten, und die meisten derjenigen, die den Strom kauften, nur an ihren Gewohnheiten festhalten.

Sie glaubten nicht, dass man ihre Häuser auch auf andere Weise beheizen und ihre Geräte und Maschinen mit Strom betreiben kann, der auf andere Weise hergestellt wird.

Sie wollten keine Veränderung in ihrem Leben, denn etwas ändern zu müssen, davor hatten sie Angst.

Sie glaubten nicht, dass sie etwas verändern können, ohne die anderen Menschen zu enttäuschen.

Sie glaubten nicht an sich selbst.

Weitere acht Jahre lang  rodete der Energiekonzern den Hambacher Forst Stück für Stück. Es war nicht einmal mehr ein Viertel davon übrig.

Die meisten Tiere waren verschwunden. Sie hatten nur noch wenige Kinder in dem kleinen Waldstück zur Welt gebracht.

Und diese Waldbewohner fühlten sich allmählich sehr verlassen.

Unter den Menschen, die um den Hambacher Forst  und das riesige Loch des Braunkohletagebaus herum lebten und auch unter denjenigen, die nur davon gehört hatten, waren jetzt immer mehr, die es nicht für richtig hielten, dass der Wald verschwinden sollte.

Der giftige Dampf, der aus den Braunkohlekraftwerkschlöten aufstieg, enthielt besonders viel Kohlendioxid.

Das ist ein Gas, das die Erde immer wärmer machte, sodass an vielen Orten der Welt kein Regen mehr fiel und nichts mehr wuchs, sodass die Menschen dort nichts zu essen hatten. Es sorgte auch für viele Unwetter und Stürme, die viel stärker waren als früher, und die Häuser und Felder zerstörten.

Und da sagten diese Menschen:  „Es kann nicht richtig sein, Bäume zu fällen und Braunkohle zu verbrennen, wenn es doch dadurch auf der Welt immer schwerer wird, zu leben.“

Eines Frühlingsmorgens kam eine Gruppe von Leuten mit kleinen Lastwagen und Traktoren an, die Anhänger zogen. Darauf lagen viele Holzbretter und Werkzeuge, Sägen, Hämmer und Nägel.

Sie suchten sich Bäume mit breiten Kronen aus und fingen an, darin zu bauen. Erst entstanden flache Bodenflächen, dann kamen die Wände und dann die Dachabdeckungen. Sie zimmerten Baumhäuser. Die Eichhörnchen, die Mäuse und Hamster, sie schauten neugierig auf die Menschen, die in den Wald zogen, um darin zu leben. Diese Menschen fällten keinen Baum und entfernten keinen Strauch.

Die Menschen wechselten sich ab. Jede Woche kamen neue hinzu. Die einen gingen wieder. Die anderen blieben da. Sie redeten miteinander und waren fröhlich. Sie teilten ihr Essen und bekamen Besuch, der ihnen nützliche Dinge brachte.

Abends setzten sie sich um ein Feuer zusammen. Sie erzählten, wer sie waren, wo sie herkamen und dass ihnen der Hambacher Wald am Herzen liegt. Sie teilten ihre Sorgen und Hoffnungen miteinander und diskutierten darüber, wie es mit der Welt weitergehen soll.

Und da wurden sie von den Waldbewohnern nicht mehr nur neugierig beobachtet. Sie wurden auch von ihnen belauscht.

Als der Herbst einsetzte, glaubten alle, dass es gelingen würde, den Wald und die Häuser darin vor den Kettensägen, den Baumerntemaschinen und dem Baggerturm zu bewahren. Doch sie hatten sich geirrt.

Mit Hunderten Polizisten und Wachleuten kehrten die Arbeiter des Energiekonzerns zurück, holten die Menschen von den Baumhäusern herunter  und rodeten genau das Waldstück, in dem sich die Menschen eingerichtet hatten. Sie nahmen einzelne der Menschen mit, weil sie ihnen vorwarfen, dass sie sich gewehrt hätten.

Nun glaubten die Waldbewohner, dass ihr Zuhause verloren sein würde. Die Menschen, die ihnen hatten helfen wollen, waren vertrieben worden.

Aber schon im nächsten Frühling kamen die Menschen, die sich selbst „Aktivisten“ nannten,  zurück. Sie feierten Feste neben dem Hambacher Wald auf einer großen Wiese und bauten dort Hütten auf. Sie zogen Holzböden in besonders schöne Baumkronen und bauten neue Behausungen.

Auch diese Baumhäuser wurden von den Polizisten und Arbeitern des Energiekonzerns weggerissen.

Die Aktivisten gaben nicht auf. Sie errichteten alle Häuser aufs Neue.

Jedesmal, wenn die Polizei und die Energiekonzernarbeiter kamen, um zu räumen und zu roden, waren anschließend mehr von ihnen da.

Sie setzten  sich mit ihrem Verhalten großen Schwierigkeiten aus, v.a. dann, wenn sie sich weigerten, die Bäume zu verlassen. Es war rechtswidrig, sich gegen die Räumung zu wehren bzw. ihr nicht Folge zu leisten und die Waldbewohner machten sich große Sorgen. Viele sagten, auch die Baumhäuser selbst und darin zu wohnen, sei rechtswidrig, also nicht erlaubt.

Im ganzen Land und sogar in anderen Ländern erfuhren die Menschen davon – davon, dass der Wald für Braunkohle verschwinden sollte und auch von den Konflikten. Immer mehr Menschen beschlossen, sich auf friedliche, legale und öffentliche Weise für den Wald zu engagieren.

Es geschahen seltsame Dinge:

Eine große Baumerntemaschine, die am Tag zuvor in den Wald gefahren worden war, war am nächsten Tag auf einmal kaputt.  Kettensägen funktionierten nicht. Radlader sprangen nicht mehr an. Die Polizei und der Energiekonzern versuchten, diejenigen zu finden, die das gemacht hatten, aber es gelang ihnen nicht. Sie dachten, es seien die Menschen, die in den Baumhäusern wohnten, gewesen und so schickten sie jedesmal mehr Menschen, Fahrzeuge, Scheinwerfer und sogar Hubschrauber, um den Widerstand, der aus dem Wald kam, zu brechen.

Aber die meisten derjenigen, die in den Baumhäusern wohnten, waren friedlich.

Abends, wenn sie am Lagerfeuer saßen, diskutierten die Aktivisten manchmal und versuchten herauszufinden, wer aggressiv geworden war und warum. Sie sprachen auch darüber, dass es gefährlich sei, so etwas zu tun, und auch irgendwie nicht richtig.  Da kam es durchaus vor, dass der eine oder die andere wütend wurde und schimpfte.

Es ist hier nicht bekannt, ob es auch Baumbewohner waren, die Maschinen lahmlegten, oder  Unbekannte von außerhalb des Waldes oder technische Defekte, die von selbst eintraten.

Die Baumbewohner bekamen aber eine Art von Unterstützung, die nichts mit Sabotage zu tun hatte.  Oder besser gesagt:  Eine Unterstützung der anderen Art.

Und nun ist es an der Zeit, die Wahrheit zu sagen.

In so einem jahrtausendealten Wald gibt es viel mehr, als das menschliche Auge sehen kann.

Es gibt dort Bewohner, an deren Existenz nur  die Kinder glauben oder jene, die nie aufgehört haben, welche zu sein, auch wenn ihre Haare schon weiß, ihre Haut voller Falten und ihr Rücken von den Jahren gebeugt ist.

Das sind die Kobolde.

Weil sie so schüchtern sind, haben sie sich viel Zeit gelassen und ersteinmal gelesen, was hier geschrieben steht, bevor sie in dieser Geschichte auftauchen.

Die Kobolde wollen eigentlich in Ruhe leben und sich in die Angelegenheiten der Menschen nicht einmischen.

Sie sind außerdem klein und eher zum Scherzen aufgelegt, als zum Kämpfen.

Manchmal, wenn sie einander Geschichten und Witze erzählen, müssen sie so sehr lachen, dass sie sich nacheinander damit anstecken und zusammen auf dem Boden herumkugeln.

Die Menschen erscheinen ihnen schon deshalb überlegen, weil sie viel größer sind als sie und weil sie die ganze Gegend um sich herum verändern. Das tun Kobolde nicht.

Kobolde wohnen im Wald, aber sie verändern ihn nicht.

Sie leben von Pilzen und Beeren und trinken Morgentau oder Quellwasser.

Sie meiden es, Fleisch zu essen, denn davon bekommen sie kurze Arme, werden buckelig, und es wachsen ihnen Warzen mit Haaren darauf im Gesicht. Ihre Stimmen werden tief, und sie verlernen das Singen.

Einer der wichtigsten Berufe unter den Kobolden ist der Augenarzt. Das liegt daran, dass die Augen der Kobolde besonders groß und rund sind. Sie wollen, dass sie klar und glänzend bleiben und fragen deshalb ständig nach Kräutertropfen.

Kobolde beschäftigen sich normalerweise damit, ihr Essen einzusammeln, ihre Kinder aufzuziehen und zusammen zu sein.

Ab und an befreit ein Kobold einen Schmetterling, der sich in einem Spinnennetz verfangen hat, oder baut sich ein kleines Musikinstrument.

Kobolde sind erst mit fünfunddreißig erwachsen. Dann dürfen sie heiraten. Manche von ihnen – die älteren – meinen, dass man erst mit fünfzig wirklich ausgereift ist. Aber das ist auch kein Wunder, denn Kobolde werden 600 Jahre alt.

Als die Arbeiter des Energiekonzerns RWE begannen, den Hambacher Wald mit ihren großen Maschinen abzuroden, da taten die Kobolde das, was sie schon immer getan haben, wenn der Mensch die Natur zurückdrängt:

Sie zogen sich zurück.

Und das taten sie jedes Jahr ein Stückchen mehr.

Sie wurden traurig darüber.

Aber schon ihre Eltern und Großeltern hatten ihnen gesagt, dass sie gegen die Menschen nichts tun können. Die Menschen hörten nicht auf sie. Denn einen Kobold kann man nur sehen, wenn er sich sichtbar macht und wenn man an ihn glaubt. Menschen glauben nicht an Kobolde.

Und als von den vielen Kobolden, die den Wald einst bewohnt hatten, nur noch wenige übrig waren, da zogen auf einmal Menschen neben ihnen ein.

Die Kobolde sahen und verstanden allmählich, dass die Aktivisten den Wald erhalten wollten und immer wieder zurück kamen.

Da fühlten sie etwas, das sie zuvor noch nie empfunden hatten, wenn sie an die Menschen dachten:

Freundschaft.

Und sie beschlossen, ihren Freunden zu helfen.

Die Kobolde sahen, dass die größte Bedrohung für die Baumbewohner war, dass sie gewalttätig werden könnten. Denn die Gewalt, die ein Mensch verübt, zerstört zuallererst sein eigenes Herz, und zwar Stückchen für Stückchen.

Die Kobolde fürchteten nichts so sehr, als dass ihre neuen Nachbarn zu Trollen werden könnten.

Aus einem Kobold wird ein Troll, wenn er sein gutes Herz verliert.

Und wenn ein Kobold ein Tier tötet, dann geschieht das sogar über Nacht:  Er bekommt kurze Arme, einen Buckel, sieht schlecht, hört schlecht und das Schlimmste: Er vergisst, wer seine Angehörigen sind und wer er eigentlich ist. Dann verlässt er seine Lieben, weil er sie nicht mehr erkennt und „trollt“ sich – er geht, und zwar meistens noch tiefer in den Wald hinein, zu den anderen Trollen. Da der Wald immer kleiner geworden war, waren die Trolle verschwunden.

Die Kobolde fürchteten auch ganz allgemein, dass es  ihren Freunden schlecht ergehen würde, wenn sie Aktionen durchführen, die nach den Gesetzen der Menschen rechtswidrig sind.

Das einzige Mittel, dass sie dagegen in petto hatten, war es, unter den Baumbewohnern Frohsinn zu fördern und schlechte Laune zu behindern. Es ist nicht viel darüber bekannt, wie sie das gemacht haben.  Kobolde erzählen nicht alles.

Wenn zum Beispiel einer von den menschlichen Waldbewohnern abends am Lagerfeuer anfangen wollte, häßliche Worte zu sagen, so wie dass man die Polizisten und die Wachleute bewerfen und hauen sollte, dann kitzelten sie ihn am Ohr, so dass er sich kratzen musste. Denn wer sich am Ohr kratzen muss, der kann nicht so laut schimpfen.

Es wurde immer schöner im Wald. Viele Menschen verspürten einen Zauber, wenn sie dort waren und ließen sich vom Gefühl der Harmonie anstecken.

Noch viel mehr Menschen erfuhren davon, dass der Hambacher Forst sterben sollte, obwohl die Braunkohle beim Verbrennen hochgiftig und für die Energieversorgung nicht notwendig ist.

Die Zerstörung des Waldes war  langsamer geworden. Vielleicht lag auch das daran, dass der Wille auf seiten des Energiekonzerns, die Bäume zu zerstören, schwächer geworden war. Denn es wurde immer mehr bekannt, wie wertvoll der Hambacher Forst ist.

Mit der Hilfe der Kobolde überwog der friedliche Charakter der Baumbewohnung.  Die Atmosphäre im Wald unter den Aktivisten war so friedlich und harmonisch, dass sich viele Menschen davon überzeugen ließen.

Fünf Jahre lang hielten die Waldbewohner und alle, die ihnen helfen wollten, zusammen.

Aber die Menschen hatten immer noch zuviel Angst davor, aus ihren alten Gewohnheiten auszubrechen und etwas zu verändern.

Sie trauten es sich einfach nicht zu.

Das Gericht, das darüber zu entscheiden hatte, ob die Menschen den Wald und seine Bewohner beschützen sollen, erlaubte, dass der Energiekonzern weiter rodet.

Das wollten sich die Waldschützer  aber nicht gefallen lassen. Noch am selben Tag warfen sie einen Briefumschlag  mit einem Antrag in den Briefkasten eines höheren Gerichts, das weiter weg war als das erste und das noch mehr zu sagen hatte.

Und genau an diesem Tag geschah etwas, das sich bis heute eigentlich kaum einer so richtig erklären kann:

Ein Wunder.

Kein Mensch wusste, warum die Menschen in dem höheren Gericht so entschieden haben. Das Gericht hatte gesagt, dass ein Gesetz, wonach wir bestimmte Tiere und Pflanzen schützen müssen, tatsächlich gilt.

Um so eine Entscheidung zu treffen, muss man vor allem eines sein:

Zuversichtlich.

Zuversichtlich, dass es den Menschen gelingen wird, sich und ihre Gewohnheiten zu ändern, ihre Angst zu überwinden. Dass sie zusammenarbeiten und Lösungen finden werden, die allen dienen.

Mit anderen Worten: Es gehörte mehr Zuversicht dazu, als alle Behörden und Gerichte und die Manager des Energiekonzerns in den Jahrzehnten zuvor gemeinsam aufgebracht haben.

Wie kam es zu dazu?

Einer der Kobolde, besser gesagt: eine Koboldin, hatte sich unsichtbar gemacht und an dem Briefumschlag festgehalten, der in das höhere Gericht geschickt wurde.

So war sie in das Richterzimmer gelangt, wo die Beratung abgehalten wurde. Und da zwei der Richter gerade Tee tranken, hatte sie eine Idee: Sie wollte zwei Tropfen jener Flüssigkeit, die Kobolde zu sich nehmen, wenn sie eine depressive Verstimmung haben, in jede Tasse schütten.

Sie riecht schwach nach Lavendel. Das merkt ein Teetrinker aber nur dann, wenn er besonders aufmerksam ist.

Aber als sie gerade ansetzen wollte, wurde sie von dem Teelöffel, den einer der Richter in der Hand hatte, weggeschubst. Da Kobolde sehr klein sind, war der Schubs so stark, dass sie vom Tisch kullerte und erst einmal wieder hochklettern musste.

Und in diesem Moment hatten die Richter in ihrem Gespräch schon  gemeinsam erkannt:  Die Stärke des Rechts ist wichtiger als das Recht des Stärkeren.

Die Koboldin, die noch unten auf dem Boden saß und sich den Kopf rieb, hörte aufmerksam und zufrieden zu. Lavendel war hier nicht nötig.

In dem Jahr, das auf diese Entscheidung folgte, passierte ganz viel:

Das höhere Gericht wendete das Gesetz an und befand, dass es nicht darauf ankommt, wieviel Wald noch übrig ist, sondern wie er war und wieviele Tiere in ihm gelebt haben, als das Gesetz, das eben doch mehr als nur eine Empfehlung war, vor 25  Jahren erlassen wurde.

Und weil keiner mehr wusste, wieviel seltene Tiere und Pflanzen damals in dem Wald existiert hatten, und weil das daran lag, dass der Energiekonzern jedes Jahr den Wald gerodet und die Erde weggefräst hatte, gab das Gericht den Waldbefürwortern, den Tieren und den Pflanzen Recht.

Und es befand, dass jeder, der meinte, dass die Probleme auf dem Planeten Erde nicht lösbar seien, erst einmal eine Tasse Tee trinken solle.

Der Hambacher Wald bzw. das, was von ihm noch übrig war, durfte stehen bleiben.

Der Energiekonzern musste die Erde wieder aufschütten und genau solche Bäume anpflanzen, wie sie früher vorgekommen waren.

Und weil das höhere Gericht soviel Zuversicht bewiesen hatte, folgten auch andere Menschen, die bislang mutlos und ohne Selbstvertrauen gewesen waren, diesem Beispiel:

Die Politiker fanden heraus, wie es sich genau bewerkstelligen ließ, die Menschen mit Energie zu versorgen, ohne Braunkohle dafür verbrennen zu müssen.

Dann sprachen die Politiker mit den Energiekonzernen und setzten bei ihnen durch, dass sie die Braunkohlekraftwerke abschalten und ihre Unternehmen umbauen.

Die Energiekonzerne mussten die Menschen mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgen. Sie entwickelten einen Fahrplan dafür, wie sie auch auf die Steinkohle verzichten konnten.

Der Energiekonzern, der den Hambacher Wald Stück für Stück gerodet hatte, übertrug das Land an diejenigen Menschen, die in den Baumhäusern wohnten bzw. dort wohnen wollten.

Jeder, der dort wohnen wollte, durfte sich künftig ein Baumhaus dorthin bauen. Aber es durfte kein Baum gefällt und kein Strauch entfernt werden.

Wer im Wald wohnen wollte, musste sich an die Natur und die anderen Waldbewohner anpassen.

Weil so viele Menschen vom Hambacher Wald erfahren hatten, war ihnen auch bewusst geworden, dass es überall auf der Welt  zuwenig Bäume gibt.

Und da fingen sie an, selbst Bäume zu pflanzen.

Die einen holten Baumsetzlinge aus dem Wald, wo sie nicht genug Platz zum Großwerden hatten. Sie pflanzten sie dort ein, wo sie gut gedeihen würden.

Die anderen zogen Baumsetzlinge auf ihren Balkonen und in ihren Gärten und spendeten sie an Leute, die wussten, wo man sie hinpflanzen könnte.

Und weil die Menschen in Deutschland auf einmal so zuversichtlich waren und es geschafft hatten, dass sogar die großen Energiekonzerne sich ändern, wurden auch die Menschen in anderen Ländern mutig.

Sie taten das gleiche und forderten die großen Lebensmittelkonzerne auf, keinen Regenwald mehr roden zu lassen.

Auch die Lebensmittelkonzerne mussten sich ändern, weil überall auf der Welt die Menschen aufstanden. Sie  zeigten für ihre Wälder und ihre Heimat das Gesicht. Und sie blieben friedlich dabei. Denn Mut ist nicht gleich Gewalt.

Wirklich mutig ist der, der sich ohne Gewalt für seine Überzeugung einsetzt.

Und das war erst der Anfang … der Anfang der Geschichte von der Rettung der Welt.

 

Und wer jetzt denkt:  „Das ist doch nur ein Märchen.“, dem sei gesagt:

 

Jedes Kind weiß, dass Märchen wahr sind.

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare und Pingbacks:

  1. Engel, Judith

    Sehr schön! Ich hätte gern eine Tasse von diesem Tee mit Lavendel.
    Als Engel kann ich die Aussage, dass jedes Kind weiß, dass Märchen wahr sind, bestätigen. Leider nur jedes Kind, deshalb ist es besser, wenn man so viel und so lange wie möglich Kind bleibt.

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