Hintergrund:  Der Hambacher Forst ist Teil eines riesigen Braunkohle-Abbaugebietes, des Hambacher Tagebaus, und er soll – wenn es nach dem Energiekonzern RWE geht – vollständig verschwinden.

Bagger im Hambacher Tagebau

Der Wald wird von Aktivisten bewacht, die dort Baumhäuser errichtet haben und präsent sind. Das hat in der Vergangenheit – bis in die jüngste Zeit hinein – für große Polizeieinsätze gesorgt, über deren Sinn und Unsinn derzeit heftig gestritten wird.

Reinhard H. ist ein Bürger des Landes Nordrhein-Westfalen.

Weil er sich für die Lage im und um den Hambacher Forst herum interessiert, hat er an einem der bekannten Waldspaziergänge teilgenommen, die vom Naturpädagogen Michael Zobel regelmäßig durchgeführt werden.

Hier sein Bericht:

„Habe mich also tatsächlich entschlossen, die für mich auch noch relativ weite Anreise zum Hambacher Forst zu unternehmen. Ich denke aber man muss sich vor Ort ein Bild von den Verhältnissen machen und auch den Wald mit seinen Bewohnern und die Umgebung kennenzulernen, wenn man sich dafür einsetzen möchte.

Ich bin mit der Deutschen Bahn von Krefeld nach Köln gefahren. Habe mein Fahrrad mitgenommen, um Zwischenwege möglichst schnell überbrücken zu können. Nach Umstieg in die S-Bahn-Linie Nr. 11 Richtung Düren war ich nach 2 Stunden in Buir. Es hat bei der Bahn mal alles pünktlich geklappt (was durchaus nicht selbstvertändlich ist.).

Barrikade auf einem der Waldwege

Es ist hier bereits eine grössere Zahl Menschen ausgestiegen, um per Pedes zum Treffpunkt der Waldführung mit dem Waldpädagogen und Naturführer Michael Zobel zu gehen. Ich war der einzige mit Fahrrad….  Eine Menge mehr an Menschen ist mit PKW angereist.

Am Ende der dann knapp dreistündigen Führung werden 511 Personen gezählt!

Dies ist ein Rekordergebnis. Herr Zobel (als Naturführer stilecht auch mit Hut) erklärt, das er die Führungen seit Muttertag 2014 begonnen hat. Er erzählt auch von seiner persönlichen Motivation (u. a. zweijähriger Enkel).

Anfangs waren es 50 Personen, dann mal 20 (Tiefstand), dann wurden es aber immer mehr. Bei der letzten Führung im Schneesturm im Dezember 2017 waren es bereits 405!!!

H. Zobel fragt jedes Mal, wer denn zum ersten Mal bei dieser Führung dabei ist, da RWE behauptet, dass immer die gleichen Dutzend Leute daran teilnehmen.

Es sind weit über die Hälfte die zum ersten Mal dabei sind.

Waldpädagoge Michael Zobel auf einer Lichtung im Hambacher Forst

Insgesamt wird heute der schätzungsweise 11.000 ste Besucher mit einem Baumsamen aus dem Hambacher Forst beschenkt (eine Familie mit Kind).

Obligatorisch auch die Frage nach dem ältesten (85 Jahre) und jüngstem Teilnehmer (12 Monate).

Ausserdem die Frage nach der weitesten Anreise (diesmal aus Basel, Stuttgart, Oldenburg und ein Fernsehteam aus Finnland). Es waren auch schon Besucher aus Brasilien da…. Direkt hinter mir steht ein Jugendlicher aus Basel, der mit einem Interrail-Ticket angereist ist und bis Mitternacht wieder in Basel zurück sein muss. Seine Mutter hat ihm das Ticket spendiert und er hat am Montag schon wieder Schule.

H. Zobel erklärt an der ersten Station des entfernungsmässig nicht grossen Spazierganges einige grundsätzliche Dinge zum Wald und zur Braunkohle:

Es ist der einzige noch verbliebene Stieleichen-, Hainbuchen, Maiglöckchen Wald in Europa.

12.000 Jahre alt von der letzten Eiszeit übriggeblieben. Der älteste Baum wird vermutlich ca. 350 Jahre alt sein.

Von seiner ursprünglichen Grösse her sind es nur noch ca. 10%. Die 90% sind bereits in einem bis zu 500 Meter tiefen Braunkohleloch „verschwunden“.

Die Pläne nach dem Abbau sehen vor, dieses grösste Loch Europas mit Wasser aufzufüllen und daraus einen Riesensee zur Naherholung zu machen.

Ein irrsinniger Plan aus Sicht von H. Zobel. Es würde ca. 80 bis 100 Jahre dauern und woher diese gigantischen Wassermassen kommen sollen ist fraglich. Vom Rheinwasser würde aus seiner Sicht lange nicht ausreichen… RWE als Konzern wird es möglicherweise bis dahin längst nicht mehr geben. Schon heute werden Milliardenverluste „erwirtschaftet“. Ausserdem wird die Einleitung von Wasser in die Riesenlöcher bereits in der Lausitz praktiziert. Mit der Folge das das Grundwasser bis in den Spreewald vergiftet wird. Die Bäume sterben ab.

Im Laufe der weiteren Führung führt H. Zobel die riesige Menschenmenge an einen Platz, der im Frühjahr 2014 bei der dritten Räumung total verwüstet wurde. Aktivisten hatten sich an Bäume gekettet. Alles musste abgeholzt und geräumt werden. Inzwischen hat die Natur schon wieder „Besitz“ von der kleinen Lichtung ergriffen. Nur wenige Wochen nach der aufwändigen Räumung wurde der Wald bis heute zum vierten Male wieder besetzt. H. Zobel lockert die Informationen durch Gedichte und Anekdoten auf.

Wir besuchen eine Baumhaus-Siedlung (Gallien).

Baumhaus im Hambacher Forst

Hier kommt auch eine „Besetzerin“ zu Wort.

Sie bestreitet beispielsweise auf Nachfrage mit jüngsten Straftaten (Kabelbrand und Zerstörung von Trafostationen) etwas zu tun zu haben.

Die Frage bezüglich des „ungemütlichen“ Aufenthaltes im Winter wird mit „passender Kleidung“ beantwortet.

Nach einer Pause bei der die Möglichkeit zu Gesprächen mit Besetzern oder anderen Besuchern besteht geht es weiter zur Abbruchkante.

Dies ist der Rand des Waldes wo der Wald bereits gerodet wurde und der Braunkohleabbau beginnt. Dieser Bereich darf bereits nicht mehr betreten werden, da er quasi Firmengelände von RWE ist.

H. Zobel erzählt hier auf einem Hügel stehend weitere Details:

8 Bagger und ca. 1700 Wassserpumpen sind in der Grube in unterschiedlichen Ebenen im Einsatz.

Der Grundwasserspiegel wird bis in das niederländische Grenzgebiet und bis nach Koblenz beeinflußt.

Die Effizienz der Energiegewinnung reicht bei den ältesten Kraftwerken (Weisweiler) von nur 4% bis hin zu höchstens 25% bei den modernsten Kraftwerken.

Zahlen, denen RWE angeblich nie widersprochen hat.

Er erzählt auch noch vom Immerather Dom und anderen alten Kirchen (Keyenberg erstmals 893 n. Chr. erwähnt) die bereits verschwunden sind oder noch verschwinden sollen.

Ganz „nebenbei“ wurden bereits 40.000 Menschen umgesiedelt (teilweise natürlich zwangsenteignet).

Zum Schluss der Führung kommt noch ein Dokumentarfilmer zu Wort, der von Polizisten verprügelt wurde (ohne Details). Entscheidend hier die Information, dass sich das Ermittlungsverfahren auch nach 13 Monaten immer noch ergebnislos hinzieht…..

Ich selbst drehe nach diesem informativen Rundgang noch eine Runde am kleinen Flughafen vorbei.

Der Wald selbst ist mit Fahrrad nicht zu empfehlen, da natürlich viele Barrikaden und Löcher den Zugang der Polizei erschweren sollen. Ein Hundespaziergänger kommt mir entgegen und erkundigt sich ob er noch H. Zobel antrifft. Wir unterhalten uns ca. 10 Minuten.

Er meint, die Waldbesetzer seien schon „in Ordnung“ , aber die Wiesenbesetzer (eine Wiese neben dem Wald) seien Punks, die schon um 08:00 Uhr morgens dem Alkohol zusprechen und sie hätten auch schon Autos demoliert.

Ich habe leider keine Zeit mehr, um mir selbst ein Bild davon zu machen.

Ich will noch einige Kilometer mit dem Fahrrad (bis Grevenbroich) zurückfahren und in ca. zwei Stunden bricht die Dunkelheit herein. Ich durchfahre noch zwei bereits teilweise verlassene Dörfer (Umsiedlung durch RWE) mit noch gut erhaltenen Häusern. Die Jalousien sind heruntergelassen, die Briefkästen zugeklebt. Ein trauriges Bild….

Weiter fahre ich am Abbaugebiet vorbei und habe tiefe Einblicke in die Riesengrube mit Schaufelradbaggern. Eher eine Mondlandschaft. Auf einem ehemaligen Grubentransportweg ist (mal etwas Positives) eine Art Radschnellweg (Terra-Nova Speedway) angelegt. Da geht mein Fahrrad-Herz auf.
Nach 10 km erreiche ich die Erft und kann an deren Ufer weiterfahren.

Später verliere ich bei einbrechender Dunkelheit die Orientierung, aber irgendwann kurz vor 20:00 Uhr erreiche ich doch noch den Grevenbroicher Bahnhof.

Reinhard“

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